Samstag, 26. September 2015

Alpenüberquerung - Der frühe Vogel ...

Die Nacht war kurz. Um 4:45 Uhr ging es weiter. Und obwohl das wahnsinnig früh ist, ist mir das Aufstehen deutlich leichter gefallen, als unter der Woche, wenn ich zur Arbeit muss. Allerdings gab's um die Uhrzeit noch kein Frühstück. Auf die Mahlzeit konnte ich zwar getrost verzichten, nicht aber auf den Kaffee! Mit schweren Augen marschierten wir also los. Immer in Richtung Sonnenaufgang.

Wir folgten einem schmalen Pfad durch eine abwechslungsreiche Vegetation und schlängelten uns in Serpentinen anfangs noch gemächlich hinauf. An einem Wasserfall machten wir Pause, um wieder ein bisschen zu Atem zu kommen. Wir hatten uns entschieden, nicht über die Memmiger Hütte weiterzugehen, sondern den angeblich anspruchsvolleren Weg zum Württemberger Haus einzuschlagen. Konditionell forderte das durchaus seinen Tribut. Doch ein Snickers zur Stärkung macht alles wieder gut. Und schließlich lag der anstrengende Teil des Weges erst noch vor uns.

Wir marschierten weiter auf ein Geröllfeld zu. Der Puls ging schneller, die Schweißproduktion lief auf Hochtouren. Aber der Weg war landschaftlich einfach nur schön. Und die Sonne lag noch tief hinterm Berg, sodass wir wenigstens im Schatten aufsteigen konnten. Eine Weggabelung führte uns nach links weiter bergauf. Wir näherten uns einem Kessel aus steilen, felsigen Gipfeln. Hier irgendwo sollten wir das Leiterjöchl (2516 m) passieren. Während wir uns mit schweren Beinen nach oben schoben, sprintete ein Mann mit Hund regelrecht an uns vorbei. Er war zwar mindestens doppelt so alt wie wir, sprang jedoch mühelos die Felsen hinauf und war schon bald wieder außer Sichtweite. Muss ich erwähnen, dass das doch ein bisschen frustrierend war?


Dann endlich lag das Leiterjöchl vor uns. Ab hier mussten wir ein bisschen Kraxeln und verstauten deswegen auch die Stöcke. Die Steine waren teilweise lose und wir hielten vorsorglich ausreichend Abstand zum Vordermann, um kein Geröll auf den Kopf zu bekommen.

Dann bekamen wir zum zweiten Mal Gesellschaft. Diesmal allerdings aus dem Tierreich. Und zwar in Gestalt eines ziemlich beeindruckenden Steinbocks. So nah stand ich bisher noch keinem gegenüber. Statur und Geweih des Bocks wirkten aufgrund der Nähe umso imposanter. Ja, wir hatten Respekt vor unserem tierischen Freund, der sich seinerseits nicht aus der Ruhe bringen ließ. Wir hingegen ließen den Blickkontakt vorsichtshalber nicht abbrechen.


Oben angekommen gab's erstmal einen verdienten High-Five. 1200 Höhenmeter hatten wir schließlich schon zurückgelegt und jetzt lag erstmal wieder ein Abstieg zum Württemberger Haus vor uns. Das war dann auch der ideale Platz, um eine ausgiebige Mittagspause einzulegen. Endlich gab es den von mir ersehnten Kaffee. Und dazu noch ausgesprochen leckeren, selbstgemachten Kuchen mit einem riesigen Sahneberg. Wir ließen es uns schmecken und unterhielten uns mit dem Mann, der uns vorhin so sportlich überholte und nun schon stundenlang auf der Terrasse in der Sonne ausharrte.

Wir ließen uns Zeit, brachen dann aber auf, als sich über uns ein paar dunkle Wolken zusammenbrauten. Der Abstieg, der vor uns lag, war schlimmer als jeder Aufstieg. Die Knie schmerzten, das Geröll rutschte immer wieder weg und teilweise war der Weg so glitschig, das wir kaum Halt fanden. Der Himmel verdunkelte sich und schließlich zuckten die ersten Blitze über den Horizont. Wir packten vorsorglich die Regenjacke aus. Keine Sekunde zu früh, wie sich herausstellte, denn schon im nächsten Moment schüttete es wie aus Eimern. Die Regenjacke hielt zwar von außen trocken, aber man zeige mir bitte eine einzige Regenjacke, die auch wirklich atmungsaktiv ist. Im Inneren klebte das Plastik an meiner verschwitzten Haut und sorgte für tropische Klimaverhältnisse.


Doch so schnell, wie das Gewitter gekommen war, so schnell war es wieder vorbei. Bis auf diesen zwanzigminütigen Regenschauer hatte wir auf der gesamten Strecke strahlenden Sonnenschein. Und dann sahen wir endlich unser Ziel: Zams (775 m) lag vor uns. Und so gab der Weg nach jeder Kehre wieder den Blick auf die Stadt frei. Das war unfair. Angetrieben von der Hoffnung, dass die Knie bald erlöst sein würden, ließen wir Kurve für Kurve hinter uns. Aber bis wir schließlich unten waren, vergingen noch knapp zwei Stunden.

Außerdem war das eigentlich noch nicht das tatsächliche Etappenziel. Wir hatten vor, eine Unterkunft in Piller anzusteuern und verstießen so gegen den Vorsatz, Busse und Bahnen strikt zu meiden. Fast hätten wir das auch geschafft, denn es gab nur noch eine einzige Busverbindung, die in ein paar Minuten abfahren sollte. Im Laufschritt erreichten wir die Haltestelle, um bis nach Imst zu kommen. Von hier aus wurden wir dann von den netten Pensionsbetreibern abgeholt und freuten uns abends über ein Dreibettzimmer und eine eigene Dusche mit warmem Wasser.

Sonntag, 13. September 2015

Alpenüberquerung - Ab nach Österreich

Mit geschnürten Wanderschuhen brachen wir morgens zur zweiten Etappe auf. Über's Mädelejoch (1974 m), das zwischen Kratzer und Muttlerkopf liegt, erreichten wir schließlich die Österreichische Landesgrenze. Dieser historische Moment der Grenzüberschreitung musste natürlich sofort fotografisch festgehalten werden. Und von dort an ging es dann über einen felsigen Steig erstmal nur noch bergab.  Nachdem wir einen Fluss passiert hatten, hörten wir einen Pfiff. Orientierungslos sahen wir uns um und erblickten ... rein gar nichts. Schulterzuckend setzten wir unseren Weg fort, bis laute Rufe ertönten. Kurz darauf folgte ein ohrenbetäubender Knall. Automatisch richteten sich meine Augen gen Himmel und ich suchte nach Spuren einer Leuchtrakete. Das machen die in den Filmen ja auch immer so. Doch dort war nichts. Erst deutlich später entdeckten wir zwei Gestalten im Gebüsch, die aufgeregt in Richtung der anderen Flussseite gestikulierten. Und jetzt war klar: Das war keine "ich-brauche-Hilfe-Rakete", sondern ein Schuss. Auf der gegenüberliegenden Seite bewegte sich ein Hirsch. Getroffen war der augenscheinlich nicht. Hätte mich über die Entfernung hinweg auch gewundert. Ich bin zwar kein Jäger, und schätzen kann ich auch nicht besonders gut, aber das waren meiner Meinung nach locker 500-600 m. Kann man denn soweit wirklich zielen und auch treffen?



Unser nächstes Zwischenziel war die - laut Reiseführer - längste Hängebrücke Österreichs. Ganze 200 Meter muss man überwinden. Dabei schaut man permanent 100 Meter in die Tiefe. Auch, wenn dadurch der Nervenkitzel auf der Strecke blieb, war die Statik beeindruckend. Die Brücke schaukelte kaum. Wir machten kurz Rast und folgen dann der Beschilderung nach Holzgau (1103 m).



Dort angekommen. blickten wir uns orientierungslos um. Wo sollte es jetzt weitergehen? Schließlich fanden wir einen Aushang mit Wanderkarte. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten: Wir hätten uns den Abstieg sparen können und oben bleiben müssen. Wir prägten uns den Weg genau ein und spazierten wieder los. Half ja alles nichts. Die Füße wurden unterwegs mit Blasenpflastern versorgt, Lieder wurden angestimmt und Rentner überholt. Wir waren wieder on Tour. Nur leider zum wiederholten Male falsch. Mittlerweile befanden wir uns auf einem tollen Höhenweg. Aber auf der verkehrten Seite des Tals. Gut, das war nun wirklich frustrierend. Also wieder bergab.

Wir folgten der Beschilderung und kamen an einer Trinkwasserstelle vorbei. Perfekt. Die Wasservorräte gingen sowieso zuneige. Während wir unseren Durst stillten und ich mir einen Kampf mit Bremsen lieferte, den ich gnadenlos verlor, sah M. einen weiteren Weg. Vorsorglich liefen wir zurück. Nochmal würden wir sicher nicht falsch abbiegen. Ein netter, älterer und schwerhöriger Dorfbewohner war uns sofort behilflich. Da hinten müssten wir lang. Das klang doch gut. Wir marschierten los und liefen so lange, bis wir in einem ausgetrockneten Flussbett landeten und keinen Schritt mehr weiterkamen. Hier waren wir definitiv nicht richtig! Mittlerweile konnten wir die Motivation tatsächlich schon suchen. Das durfte doch wirklich nicht wahr sein.


Das Vertrauen in Wegekarten und das gesprochene Wort waren verwirkt. Stumpf folgten wir den gelben E5-Schildern, die den Weg markierten. Dabei liefen wir permanent über asphaltierte Straßen. Die Füße brannten, die Schultern schmerzten und ein Schild mit "Hier gibt's Eis" versprach Erlösung. Aber das Glück war nicht auf unserer Seite. Der Laden war zu und der Weg weiter nach Madau beschwerlich. An uns vorbei fuhren mehrere Taxis, die die Leute transportierten, mit denen wir an der Kemptner Hütte noch gefrühstückt hatten. Einen nach dem anderen brachten die Taxiunternehmen hinauf, während wir schwitzend vorwärts krochen und am Ende in einer Kurve achtlos unsere Rucksäcke fallenließen und beschlossen, Brotzeit zu machen. Bis zur Memminger Hütte wollten wir eigentlich noch kommen. Doch die Prognosen waren schlecht. Die Hütte sei absolut überfüllt und wir hatten bereits zwei Stunden und etliche Höhenmeter Umweg in den Beinen. Jetzt nochmal drei Stunden aufzusteigen erschien wirklich nicht verlockend. So verbrachten wir die Nacht in Madau (1310 m) und beschlossen, den Verzug am nächsten Tag wieder auszugleichen.


Der Hüttenwirt sammelte bei uns allerdings keinen Sympathiebonus. Doch er schien von Wanderern generell nicht allzu viel zu halten. Stattdessen zog er lautstark über seine Gäste her, machte sich lustig und konnte sich bösartige Kommentare nicht verkneifen. Er hätte einen Aufpreis für die Betten nehmen sollen, wetterte er. Schließlich seien die Kissen nagelneu. Und auch die Duschzeiten waren sehr optimistisch angepriesen: Zwei Euro für sieben Minuten warmes Wasser. Das klang fair. Zumindest so lange, bis er uns darüber aufklärte, dass das nicht stimme. Es höre sich nur besser an als drei Minuten ... Ja, das nächste Mal würden wir wohl doch eher noch drei Stunden laufen, ehe wir hier einkehren.





Sonntag, 30. August 2015

Alpenüberquerung - Es geht los!

Aufregung, Neugier und Nervosität. So fühlt es sich also an, wenn eine Alpenüberquerung bevor steht. Von Oberstdorf nach Meran! Einmal über die Alpen auf dem berühmten E5.

Aller Anfang ist schwer!

Jetzt wurde es ernst. Was zuvor nur als Gedankenspiel stattgefunden hatte, sollte endlich beginnen. Hochmotiviert liefen wir los. Der Bahnhof in Oberstdorf liegt laut Wanderführer auf 814 m. Über die Fußgängerzone,  vorbei an Souvenirgeschäften, gelangten wir zur Nebelhornbahn. Doch Bahnfahren stand heute (leider) nicht mehr auf dem Plan. Stattdessen führte uns unser Weg zur Spielmannsau hinauf. Noch ging es nahezu eben hin. Dennoch beschwerten wir uns alle drei über unsere schweren Rucksäcke und zogen an diversen Schlaufen, um den Tragekomfort zu erhöhen. Mit mäßigem Erfolg.

Bis zum wunderschönen Christlesee gab es noch keine nennenswerte Steigung, trotz allem hatten wir das dringende Verlangen, schon jetzt unsere Schuhe loszuwerden, und die dampfigen Füße in kaltes Seewasser zu tauchen. Aber die Vernunft siegte. Hätten wir nachgegeben, wären wir sicher keinen Meter mehr gegangen. Also beließen wir es bei sehnsüchtigen Blicken auf das türkisblaue Wasser und gönnten unseren Fingern eine kurze Erholung im kühlen Nass.


Wir gingen weiter. Ohne zu Murren und vertieft in unser Gespräch. Der breite Weg mündete in einen kleinen Wanderweg und führte in einem Wäldchen hinauf. Sofort wurden die Stöcke ausgepackt und ein flottes Tempo angeschlagen. Wir waren ja schließlich fit und mussten uns das gegenseitig auch noch ein bisschen demonstrieren. Doch die Hitze bremste jeden Hochmut und katapultierte uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Tempo zurückschrauben und Trinkwasser einteilen lautete die Devise.

Wir sind nicht allein!

Schließlich erreichten wir eine kleine Brücke. Und hier zeigte sich zum ersten Mal das wahre Gesicht des E5. Während uns bis dato nur ein paar Menschen entgegenkamen, tummelten sich hier ganze Gruppen. Der Fluss lud zum Trinken und Abkühlen ein. Flaschen wurden aufgefüllt, ganze Köpfe ins Wasser getaucht und teilweise baumelte ein Fuß in den Fluten. Auch wir machten kurz Rast, kühlten die geröteten Wangen und setzten schließlich unseren Weg fort.

Nachdem wir einige Wanderer mit unseren Stöcken wohl nervös gemacht hatten und dadurch vorbeigelassen wurden, kamen wir zu einer Weggabelung. Links ging es einige Meter nach oben zu einer Aussichtsplattform. Die Aussicht war zwar nicht nennenswert, aber eine Bank lud zum Verweilen ein. Zwei Jungs hatten sich bereits in einem kapellenähnlichen Bau niedergelassen und versuchten die Schweißproduktion zu stoppen. Die riesigen Rucksäcke deuteten auf eine längere Etappe hin und das bestätigten sie uns auch sogleich: "Ja, wir laufen noch ein bisschen weiter. Bis nach Meran wollen wir." Wir wechselten vielsagende Blicke. Meran war schließlich auch unser Ziel, doch zum Glück schleppten wir geschätzt nur halb so viel Zeug mit. Fit sahen wir scheinbar auch noch aus. Zumindest kommentierten die Jungs unser Erscheinungsbild auf diese Weise.












Die Freude des Ankommens

Also, keine Pause mehr. Weiter geht's. An einem Bachbett entlang, in der sengenden Mittagssonne immer weiter hinauf. In kurzen Abständen mussten wir Trinkpausen einlegen und als die Kemptner Hütte (1844 m) endlich ins Blickfeld rückte, war meine Kehle nahezu ausgetrocknet. Doch mit dem letzten Schritt ging auch die Müdigkeit. Durch ein High-Five beglückwünschten wir uns zu unserer ersten Etappe. Die Frage, ob wir noch einen der umliegenden Gipfel besteigen, kam gar nicht erst auf. Stöhnend ließen wir unsere Rucksäcke zu Boden gleiten und ich stillte das Verlangen nach einer großen Johannisbeerschorle.

Dann rief die Dusche: 3 Minuten warmes Wasser gab es für 2,50 Euro. Im Waschraum war die Kabine natürlich belegt und wir stellten uns brav in die lange Schlange. Doch eine ältere Dame, die noch weit vor uns an der Reihe war, raubte jegliche Vorfreude auf ein halbwegs entspannendes Duscherlebnis: "Es ist eiskalt! Das Wasser ist wirklich eiskalt." Ihr Gezeter sorgte am Ende dafür, dass wir unsere Duschmarken wieder in Bargeld umtauschten und uns stattdessen mit einer Katzenwäsche am Waschbecken begnügten.

Man gewöhnt sich an alles.


Mittwoch, 19. August 2015

Alpenüberquerung - Die Vorbereitungen

Der Traum einer Alpenüberquerung hat mich hin und wieder heimgesucht. Aber es hat einfach nie gepasst. Jetzt habe ich es gemacht! Und es hat sich gelohnt. Ohja, und wie es sich gelohnt hat! Wenn du noch überlegst, dann sage ich dir jetzt: Mach es! Tu es einfach!

Ich werde in den kommenden Tagen über meine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Und wer weiß? Vielleicht bekommst du dadurch Lust? Vielleicht helfen dir meine Erfahrungen bei eigenen Mehrtagestouren? Vielleicht liest du es auch einfach nur gerne?

Schritt 1 - Such dir eine Begleitung. Oder gehst du lieber alleine? 

Ich muss gestehen, dass ich zu meinen Tourenpartnern eher zufällig gekommen bin. M. hat auf der Seite des Deutschen Alpenvereins (DAV) geschrieben, dass ihr eine Begleitung für eine Alpenüberquerung fehle. Mir ging es ähnlich. Aus meinem Freundeskreis konnte ich mir niemanden vorstellen, der Lust und Zeit hätte, mit mir durch die Berge zu marschieren. Ohne lange nachzudenken, habe ich geantwortet. Und wir waren uns direkt sympathisch. Aber natürlich ist Sympathie noch lange nicht alles. Auch am Berg muss es passen. Nach dem ersten Kennenlernen haben wir uns dann also auch zum Wandern verabredet. Schließlich ist das Gehtempo neben der Kondition, der Trittsicherheit und der Schwindelfreiheit auch nicht zu vernachlässigen. Eine Route mit ein bisschen Kraxelei, einem steilen Aufstieg in der Sonne und einem herrlichen Ausblick hat dann aber gezeigt: Das passt!



Schritt 2 - Wähle deine Route.

Wie erfahren bist du in den Bergen? Wie viele Höhenmeter kannst du täglich zurücklegen? Wie sieht es konditionell bei dir aus und was traust du dir zu? Diese Fragen müssen natürlich vorab geklärt werden. Nicht ist frustrierender, als nach der zweiten Etappe aufzugeben, weil man sich überschätzt hat. Bist du schwindelfrei? Kann man eine Route mit Klettersteig auswählen? Musst du auf Materialseilbahnen zurückgreifen, weil du das zusätzliche Rucksackgewicht nicht tragen kannst? Überleg dir, was du wirklich schaffst und such dir danach deine Route aus.

Es war unsere erste Alpenüberquerung und deshalb haben wir uns für den klassischen E5 entschieden. Allerdings unter dem Vorsatz, weder Materialseilbahnen noch Hilfsmittel wie Bus, Bahn und Taxis zu nutzen. Und wir wollten den Weg mit Varianten gehen, um möglichst oft dem Menschenstrom auszuweichen. Als berühmter Fernwanderweg war klar, dass wir dort sicher nicht alleine unterwegs sein werden.


Schritt 3 - Pack möglichst wenig ein!

Genau darin liegt die Kunst. Denn du musst alles tragen, was du einpackst. Jedes zusätzliche Gramm drückt auf deine Schultern und deine Hüfte. Also reduziere das Packmaß auf das Notwendigste. Aber vergiss auch nichts wichtiges: Die anderen haben schließlich auch nur das nötigste dabei und können dir wohl kaum mit einer zweiten Zahnbürste oder einer Ersatzregenjacke aushelfen. Schreib am besten alles auf, was du einpacken möchtest. Und jetzt sortier nochmal aus!

Kleidung: Wanderhose, kurze Hose, 2 T-Shirts + Schlafshirt, 4 Unterhosen, 2 Sport-BHs, Skiunterwäsche (falls es kalt wird), 1 Fleece, 1 Regenjacke, Mütze, Handschuhe, 3 Wandersocken, Hüttenschuhe

Waschzeug: Zahnbürste, Haargummis, Microfaser-Handtuch

Sonstiges: Wanderschuhe, Wanderstöcke, Geld, Personalausweis, Krankenversicherungskarte, DAV-Ausweis, EC-Karte, Handy, Kamera, Taschenmesser, Stirnlampe, Sonnenbrille, Ohropax, Taschentücher, Regenhülle f. Rucksack, Hüttenschlafsack, Trinkblase

Dinge, die wir aufgeteilt haben: Zahnpasta, Shampoo, Bürste, Creme, Handwaschpaste, Sonnencreme, Deo, Labello, Erste-Hilfe-Set, Gold-Silber-Folie, Brot, Müsliriegel, Käse, Wurst, Müsli, Nüsse, Tee, Kaffee, Gummibärchen, Schokolade, Wanderführer

 

Schritt 4 - Bereite dich vor.

Vielleicht möchtest du deine Kondition noch ein wenig aufbessern? Vielleicht magst du zuvor auch noch die ein oder andere Tour in den Bergen unternehmen? Ich hatte das zumindest vor. Doch der Vorsatz allein bewirkt meist nicht viel und mein Schweinehund war in den Wochen zuvor einfach zu groß ...

Aber auch die mentale Vorbereitung ist wichtig. Setz dich nicht unter Druck und mach dir klar, dass du niemandem etwas beweisen musst. Die Alpenüberquerung ist für dich. Nicht für deine Freunde und nicht für Facebook. Es ist nicht schlimm, wenn du langsam gehst. Du musst nicht auf die höchsten Gipfel. Du kannst dir auch drei Tage mehr Zeit nehmen. Ich habe mir vorab ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, ob ich mir nicht doch zu viel vorgenommen habe. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich abbrechen muss? Ja, und? Wenn ich abbrechen muss, dann breche ich halt ab. Es wäre schade, aber dadurch bin ich kein Verlierer. Einen Strandurlaub bricht man schließlich auch ab, wenn man sich einen Virus einfängt. Warum sollte man dann eine Alpenüberquerung durchziehen müssen, wenn man konditionell einfach nicht klarkommt?

Klar ist aber auch, dass es immer wieder die Momente geben wird, in denen man sich denkt: "Warum genau tu ich mir das eigentlich an?". Da muss man halt auch mal die Zähne zusammenbeißen und sich selbst Mut machen. Gleich aufzugeben ist sicher keine Option! Und das Gefühl, es geschafft zu haben, ist es allemal wert!

Samstag, 21. März 2015

Ein klein bisschen Sterblichkeit

Normalerweise läuft das so ab:
Ich stehe morgens auf, verschwende viel zu viel meiner kostbaren Zeit mit sinnlosen Tätigkeiten, gehe anschließend zur Arbeit und abends geht's nach weiteren wiederkehrenden Banalitäten ab ins Bett. Dabei vergisst man viel zu häufig, wie kurz das Leben eigentlich sein kann.

Wenn ich dann aber frei habe, meine Wochenenden genieße oder im Urlaub bin, dann ist der routinemäßige Alltag oftmals vergessen und stattdessen begrüße ich den Leichtsinn. Plötzlich fällt alles von mir ab und ich möchte die Zeit, die ich im Alltag so verschwendet habe, auf einmal aufholen.
Und zwar ganz.
Ich möchte in vollen Zügen genießen.
Koste es, was es wolle.
Früher geschah das oft in Nächten voller Alkohol und mit wenig Selbstkontrolle. Das ist Geschichte. Ich trinke mittlerweile schon längst keinen Tropfen Alkohol mehr und genieße trotz allem ab und an das Nachtleben. Aber halt anders.
Stattdessen packt mich mehr und mehr der Rausch der Geschwindigkeit. Dann stellt sich ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit ein und ich lebe tatsächlich nur in diesem einen Moment. Genau das fällt mir nämlich unheimlich schwer. Ich lebe selten im Hier und Jetzt. Ich bin ein Kopfmensch. Ich denke an morgen. An gestern. An das, was kommen könnte und an das, was niemals kommen wird. Dabei vergesse ich, dass ich nur JETZT die Chance habe, etwas zu ändern oder etwas zu erleben.
Wenn Geschwindigkeit ins Spiel kommt, ist das anders. Dann bin ich konzentriert. Konzentriert auf meinen Körper und konzentriert auf meinen Geist. Und genau das tut mir gut. Ich fühle mich abends erledigt, aber glücklich. Und je mehr ich das merke, umso mehr möchte ich mir dieses Gefühl behalten.



Beim Skifahren tritt genau das ein. Da stehe ich also auf zwei Brettern und sause einen Berg hinunter. Zwar mit Freunden, aber in genau diesem Moment alleine. Ich spüre den Untergrund, über den ich mühelos hinweggleite. Fühle das Zucken meiner Muskeln, wenn ich die Kanten in eine Eisfläche ramme. Bemerke die eisige Luft, die sich den Weg zu meiner Lunge bahnt.
Ich bin im "Moment" angekommen. Ich achte nur auf den nächsten Schwung. Auf das, was genau vor mir liegt.

Leider war ich in diesem Jahr für eine Sekunde unachtsam und so kam es zur traurigen Bilanz des dritten Tages meines Skiurlaubs: Ein gebrochener Oberarm.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich das aber noch nicht und es folgten noch zwei weitere Skitage. Untermalt von dem Schmerz, der von meiner Schulter ausging. In München kam dann das ernüchternde Ergebnis. Ich hatte zuvor noch nie einen Bruch. Beim Fußball wurden ab und an meine Bänder in Mitleidenschaft gezogen. Aber nie war ich ernsthaft verletzt. Und jetzt merke ich zum ersten Mal, wie es ist, wenn man tatsächlich eingeschränkt ist. Und ich merke, dass mein Körper auch nur begrenzt belastbar ist. Ich bin nicht unsterblich. Das ist keiner von uns. Wir vergessen es nur viel zu häufig.

Sonntag, 8. Februar 2015

"You can't buy happiness - but you can buy a lift pass"

Vor Weihnachten ist meine Stimmung permanent gesunken. Dabei habe ich viel erlebt in 2014. Ich war viel unterwegs, habe viel gesehen und habe drei Wochen in Devon/England gearbeitet. Mein Kopf war voll mit tollen Erfahrungen und trotzdem saß ich im November und Dezember oft am Fenster und habe mich eingesperrt gefühlt. Eingesperrt in der Stadt, die ich als Wahlheimat auserkoren habe, Plötzlich spürte ich nicht mehr das Leben, das in den Straßen pulsierte, sondern nahm nur noch das Fehlen der Natur wahr.

Über Weihnachten hatte ich dann zwei Wochen Urlaub, die ich bei meiner Familie in der Rhön verbracht habe. Und plötzlich merkte ich, was da so schwer gegen meine Brust drückte und mich am Aufatmen hinderte. Es war das Fehlen von Sauerstoff. Das Fehlen von der Freiheit, einfach nach Draußen zu kommen. Das Fehlen von den Möglichkeiten, die man einfach nur ergreifen braucht. Ich habe mich dabei beobachtet, wie ich von Tag zu Tag wieder aufgetaut bin und habe gemerkt, dass ich eindeutig kein Mensch der Stadt bin.

Mit diesem Wissen bin ich zurück nach München gekommen und es wurde besser. Ich nutze meine Wochenenden aktiver. Samstags oder sonntags bin ich in die nahegelegenen Berge gefahren und ich bin nun auch endlich Mitglied im Alpenverein.

Meine Liebe zum Leben auf Skiern ist unangefochten. Im Rausch der Geschwindigkeit das Kratzen der Kanten auf präparierten Pisten zu hören, ist für mich ein unbeschreibliches Gefühl. In Wolken aus Schnee zu fahren, wenn man abseits in den unberührten Stellen fährt, ist noch Neuland für mich, erfordert noch einiges an Übung, aber nimmt mich völlig gefangen. Ich sitze mit roten Wangen und einem breiten Lächeln im Gesicht im Lift und freue mich über die Tage, die ich über der Wolkendecke verbringe.

Und siehe da: Mir fällt das Aufstehen am Montagmorgen gar nicht mehr so schwer. Meine Arbeit macht mir schließlich Freude, und solange ich die Straßen Münchens von Zeit zu Zeit hinter mir lassen kann, ist die Stadt auch nach wie vor ein Ort, an dem ich mich gerne aufhalte. Ich betrachte es als "Zuhause auf Zeit" und möchte den Aufenthalt weiterhin genießen!


Donnerstag, 4. September 2014

Irgendwo dazwischen

Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich nach München gezogen und habe damit eine neue Stadt zu meinem "Zuhause" auserkoren. Was das bedeutet, habe ich erst mit der Zeit festgestellt. Zum einen habe ich unheimlich viel hinzugewonnen. Ich habe neue Leute kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte. Habe Orte bewundert, die ich nun regelmäßig passiere und habe ein bisschen mehr über mich herausgefunden. Ich schätze die Vorzüge, die diese Stadt zu bieten hat. Ich schätze es, dass ich an einem Ort wohne, durch den täglich tausende von Touristen schlendern. Es bietet mir viel und doch fehlt mir viel.
Mir fehlt die Natur, ich die immer direkt vor der Haustür hatte. Mir fehlt die Ruhe, die mir sonst manchmal zu still war. Mir fehlt das Einfache, das mir nie genügt hat und mir fehlt der dörfliche Charakter, den ich sonst hart verurteilt habe.
Kurz gesagt - ich fühle mich wohl hier, durchaus, aber ich brauche ab und an auch ein wenig Abstand von der Schnelllebigkeit und Hektik der Stadt. Mittlerweile schätze ich das, was mir vorher so banal erschien. Es hat Vorzüge. Beide Seiten haben Vorzüge und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals für eine Seite entscheiden kann.

Aber warum entscheiden, wenn man beides haben kann? Für kurze Zeit zumindest. Nicht drüber nachdenken, einfach genießen. Alles. So, wie es kommt!

Ich hatte diesen Sommer direkt mehrere Möglichkeiten, um durchzuatmen und in meinem Kopf wieder Platz zu schaffen. Ich war viel unterwegs. War in Venedig, in Rimini und Verona. War in Budapest und dann eine Woche wandern in Südtirol. Ein Kurztrip nach Südschweden hat alles abgerundet und nun bin ich wieder hier. Voller Eindrücke und doch auch froh, den Alltag wiederzuhaben.


Das Atmen fällt so viel leichter, wenn man auf dem Gipfel steht. Plötzlich füllen sich die Lungen mit Luft, der Geist ist befreit und alle Probleme sind wie weggewischt. Es tut so gut, wieder Luft zu holen, Kraft zu sammeln und alle Energiereserven aufzufüllen.
Von diesen Moment zehre ich durch das restliche Jahr!