Sonntag, 30. August 2015

Alpenüberquerung - Es geht los!

Aufregung, Neugier und Nervosität. So fühlt es sich also an, wenn eine Alpenüberquerung bevor steht. Von Oberstdorf nach Meran! Einmal über die Alpen auf dem berühmten E5.

Aller Anfang ist schwer!

Jetzt wurde es ernst. Was zuvor nur als Gedankenspiel stattgefunden hatte, sollte endlich beginnen. Hochmotiviert liefen wir los. Der Bahnhof in Oberstdorf liegt laut Wanderführer auf 814 m. Über die Fußgängerzone,  vorbei an Souvenirgeschäften, gelangten wir zur Nebelhornbahn. Doch Bahnfahren stand heute (leider) nicht mehr auf dem Plan. Stattdessen führte uns unser Weg zur Spielmannsau hinauf. Noch ging es nahezu eben hin. Dennoch beschwerten wir uns alle drei über unsere schweren Rucksäcke und zogen an diversen Schlaufen, um den Tragekomfort zu erhöhen. Mit mäßigem Erfolg.

Bis zum wunderschönen Christlesee gab es noch keine nennenswerte Steigung, trotz allem hatten wir das dringende Verlangen, schon jetzt unsere Schuhe loszuwerden, und die dampfigen Füße in kaltes Seewasser zu tauchen. Aber die Vernunft siegte. Hätten wir nachgegeben, wären wir sicher keinen Meter mehr gegangen. Also beließen wir es bei sehnsüchtigen Blicken auf das türkisblaue Wasser und gönnten unseren Fingern eine kurze Erholung im kühlen Nass.


Wir gingen weiter. Ohne zu Murren und vertieft in unser Gespräch. Der breite Weg mündete in einen kleinen Wanderweg und führte in einem Wäldchen hinauf. Sofort wurden die Stöcke ausgepackt und ein flottes Tempo angeschlagen. Wir waren ja schließlich fit und mussten uns das gegenseitig auch noch ein bisschen demonstrieren. Doch die Hitze bremste jeden Hochmut und katapultierte uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Tempo zurückschrauben und Trinkwasser einteilen lautete die Devise.

Wir sind nicht allein!

Schließlich erreichten wir eine kleine Brücke. Und hier zeigte sich zum ersten Mal das wahre Gesicht des E5. Während uns bis dato nur ein paar Menschen entgegenkamen, tummelten sich hier ganze Gruppen. Der Fluss lud zum Trinken und Abkühlen ein. Flaschen wurden aufgefüllt, ganze Köpfe ins Wasser getaucht und teilweise baumelte ein Fuß in den Fluten. Auch wir machten kurz Rast, kühlten die geröteten Wangen und setzten schließlich unseren Weg fort.

Nachdem wir einige Wanderer mit unseren Stöcken wohl nervös gemacht hatten und dadurch vorbeigelassen wurden, kamen wir zu einer Weggabelung. Links ging es einige Meter nach oben zu einer Aussichtsplattform. Die Aussicht war zwar nicht nennenswert, aber eine Bank lud zum Verweilen ein. Zwei Jungs hatten sich bereits in einem kapellenähnlichen Bau niedergelassen und versuchten die Schweißproduktion zu stoppen. Die riesigen Rucksäcke deuteten auf eine längere Etappe hin und das bestätigten sie uns auch sogleich: "Ja, wir laufen noch ein bisschen weiter. Bis nach Meran wollen wir." Wir wechselten vielsagende Blicke. Meran war schließlich auch unser Ziel, doch zum Glück schleppten wir geschätzt nur halb so viel Zeug mit. Fit sahen wir scheinbar auch noch aus. Zumindest kommentierten die Jungs unser Erscheinungsbild auf diese Weise.












Die Freude des Ankommens

Also, keine Pause mehr. Weiter geht's. An einem Bachbett entlang, in der sengenden Mittagssonne immer weiter hinauf. In kurzen Abständen mussten wir Trinkpausen einlegen und als die Kemptner Hütte (1844 m) endlich ins Blickfeld rückte, war meine Kehle nahezu ausgetrocknet. Doch mit dem letzten Schritt ging auch die Müdigkeit. Durch ein High-Five beglückwünschten wir uns zu unserer ersten Etappe. Die Frage, ob wir noch einen der umliegenden Gipfel besteigen, kam gar nicht erst auf. Stöhnend ließen wir unsere Rucksäcke zu Boden gleiten und ich stillte das Verlangen nach einer großen Johannisbeerschorle.

Dann rief die Dusche: 3 Minuten warmes Wasser gab es für 2,50 Euro. Im Waschraum war die Kabine natürlich belegt und wir stellten uns brav in die lange Schlange. Doch eine ältere Dame, die noch weit vor uns an der Reihe war, raubte jegliche Vorfreude auf ein halbwegs entspannendes Duscherlebnis: "Es ist eiskalt! Das Wasser ist wirklich eiskalt." Ihr Gezeter sorgte am Ende dafür, dass wir unsere Duschmarken wieder in Bargeld umtauschten und uns stattdessen mit einer Katzenwäsche am Waschbecken begnügten.

Man gewöhnt sich an alles.


Mittwoch, 19. August 2015

Alpenüberquerung - Die Vorbereitungen

Der Traum einer Alpenüberquerung hat mich hin und wieder heimgesucht. Aber es hat einfach nie gepasst. Jetzt habe ich es gemacht! Und es hat sich gelohnt. Ohja, und wie es sich gelohnt hat! Wenn du noch überlegst, dann sage ich dir jetzt: Mach es! Tu es einfach!

Ich werde in den kommenden Tagen über meine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Und wer weiß? Vielleicht bekommst du dadurch Lust? Vielleicht helfen dir meine Erfahrungen bei eigenen Mehrtagestouren? Vielleicht liest du es auch einfach nur gerne?

Schritt 1 - Such dir eine Begleitung. Oder gehst du lieber alleine? 

Ich muss gestehen, dass ich zu meinen Tourenpartnern eher zufällig gekommen bin. M. hat auf der Seite des Deutschen Alpenvereins (DAV) geschrieben, dass ihr eine Begleitung für eine Alpenüberquerung fehle. Mir ging es ähnlich. Aus meinem Freundeskreis konnte ich mir niemanden vorstellen, der Lust und Zeit hätte, mit mir durch die Berge zu marschieren. Ohne lange nachzudenken, habe ich geantwortet. Und wir waren uns direkt sympathisch. Aber natürlich ist Sympathie noch lange nicht alles. Auch am Berg muss es passen. Nach dem ersten Kennenlernen haben wir uns dann also auch zum Wandern verabredet. Schließlich ist das Gehtempo neben der Kondition, der Trittsicherheit und der Schwindelfreiheit auch nicht zu vernachlässigen. Eine Route mit ein bisschen Kraxelei, einem steilen Aufstieg in der Sonne und einem herrlichen Ausblick hat dann aber gezeigt: Das passt!



Schritt 2 - Wähle deine Route.

Wie erfahren bist du in den Bergen? Wie viele Höhenmeter kannst du täglich zurücklegen? Wie sieht es konditionell bei dir aus und was traust du dir zu? Diese Fragen müssen natürlich vorab geklärt werden. Nicht ist frustrierender, als nach der zweiten Etappe aufzugeben, weil man sich überschätzt hat. Bist du schwindelfrei? Kann man eine Route mit Klettersteig auswählen? Musst du auf Materialseilbahnen zurückgreifen, weil du das zusätzliche Rucksackgewicht nicht tragen kannst? Überleg dir, was du wirklich schaffst und such dir danach deine Route aus.

Es war unsere erste Alpenüberquerung und deshalb haben wir uns für den klassischen E5 entschieden. Allerdings unter dem Vorsatz, weder Materialseilbahnen noch Hilfsmittel wie Bus, Bahn und Taxis zu nutzen. Und wir wollten den Weg mit Varianten gehen, um möglichst oft dem Menschenstrom auszuweichen. Als berühmter Fernwanderweg war klar, dass wir dort sicher nicht alleine unterwegs sein werden.


Schritt 3 - Pack möglichst wenig ein!

Genau darin liegt die Kunst. Denn du musst alles tragen, was du einpackst. Jedes zusätzliche Gramm drückt auf deine Schultern und deine Hüfte. Also reduziere das Packmaß auf das Notwendigste. Aber vergiss auch nichts wichtiges: Die anderen haben schließlich auch nur das nötigste dabei und können dir wohl kaum mit einer zweiten Zahnbürste oder einer Ersatzregenjacke aushelfen. Schreib am besten alles auf, was du einpacken möchtest. Und jetzt sortier nochmal aus!

Kleidung: Wanderhose, kurze Hose, 2 T-Shirts + Schlafshirt, 4 Unterhosen, 2 Sport-BHs, Skiunterwäsche (falls es kalt wird), 1 Fleece, 1 Regenjacke, Mütze, Handschuhe, 3 Wandersocken, Hüttenschuhe

Waschzeug: Zahnbürste, Haargummis, Microfaser-Handtuch

Sonstiges: Wanderschuhe, Wanderstöcke, Geld, Personalausweis, Krankenversicherungskarte, DAV-Ausweis, EC-Karte, Handy, Kamera, Taschenmesser, Stirnlampe, Sonnenbrille, Ohropax, Taschentücher, Regenhülle f. Rucksack, Hüttenschlafsack, Trinkblase

Dinge, die wir aufgeteilt haben: Zahnpasta, Shampoo, Bürste, Creme, Handwaschpaste, Sonnencreme, Deo, Labello, Erste-Hilfe-Set, Gold-Silber-Folie, Brot, Müsliriegel, Käse, Wurst, Müsli, Nüsse, Tee, Kaffee, Gummibärchen, Schokolade, Wanderführer

 

Schritt 4 - Bereite dich vor.

Vielleicht möchtest du deine Kondition noch ein wenig aufbessern? Vielleicht magst du zuvor auch noch die ein oder andere Tour in den Bergen unternehmen? Ich hatte das zumindest vor. Doch der Vorsatz allein bewirkt meist nicht viel und mein Schweinehund war in den Wochen zuvor einfach zu groß ...

Aber auch die mentale Vorbereitung ist wichtig. Setz dich nicht unter Druck und mach dir klar, dass du niemandem etwas beweisen musst. Die Alpenüberquerung ist für dich. Nicht für deine Freunde und nicht für Facebook. Es ist nicht schlimm, wenn du langsam gehst. Du musst nicht auf die höchsten Gipfel. Du kannst dir auch drei Tage mehr Zeit nehmen. Ich habe mir vorab ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, ob ich mir nicht doch zu viel vorgenommen habe. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich abbrechen muss? Ja, und? Wenn ich abbrechen muss, dann breche ich halt ab. Es wäre schade, aber dadurch bin ich kein Verlierer. Einen Strandurlaub bricht man schließlich auch ab, wenn man sich einen Virus einfängt. Warum sollte man dann eine Alpenüberquerung durchziehen müssen, wenn man konditionell einfach nicht klarkommt?

Klar ist aber auch, dass es immer wieder die Momente geben wird, in denen man sich denkt: "Warum genau tu ich mir das eigentlich an?". Da muss man halt auch mal die Zähne zusammenbeißen und sich selbst Mut machen. Gleich aufzugeben ist sicher keine Option! Und das Gefühl, es geschafft zu haben, ist es allemal wert!